Zeitzeugnis: Die Anfänge der Investor Relations

Wie Investor Relations in Deutschland Fuß fasste – beispielhaft dargestellt an den 40 im DAX gelisteten Unternehmen

Von Manfred Piwinger

Quelle: Piwinger, Manfred: Zeitzeugnis: Die Anfänge der Investor Relations.
In: G. Bentele/M. Piwinger/G. Schonborn (Hrsg.): Kommunikationsmanagement (Losebl. 2001 ff.), Art.-Nr. 1.87, Hurth 2026

In diesem Beitrag erfahren Sie,

  • wann die Bezeichnung Investor Relations in deutschen Unternehmen Verwendung fand,
  • welche Publikationen erstmals den Begriff Investor Relations aufgriffen.

Der Autor
Manfred Piwinger ist publizistisch und wissenschaftlich tätig. Er verfügt über vielfältige industrielle Erfahrungen in gehobenen Managementpositionen. Seine Forschungsarbeit widmet er insbesondere der Verknüpfung betriebswirtschaftlicher und kommunikationswissenschaftlicher Strukturen im Kommunikationsmanagement. Er war lange Jahre Lehrbeauftragter für Finanz- und Unternehmenskommunikation an der Universität Leipzig. Er ist Mitherausgeber mehrerer Bücher zu den Themen Investor Relations, Unternehmenskommunikation, Kommunikationscontrolling und Immaterielle Vermögenswerte und daneben Verfasser von ca. 200 Fachbeiträgen.
Kontakt: consultant@piwinger.de


1 Einführung


Die Anfänge von Investor Relations (Finanzmarktkommunikation) in Deutschland sind nicht hinreichend dokumentiert und lassen sich auch nicht so recht nachverfolgen. Natürlich haben kapitalmarktorientierte Unternehmen schon zu allen Zeiten die Beziehungen zu ihren Aktionären, zu Kreditgebern und Analysten gehabt. Es hat Geschäftsberichte gegeben, Hauptversammlungen und Bilanzpressekonferenzen. Das öffentliche Interesse war aber gering – außer in interessierten Kreisen. Außerdem waren die Berichtspflichten verglichen mit den heutigen beinahe ausschließlich auf G+V und Bilanz beschränkt. Und man ließ sich Zeit. Lange Jahre beließ der Gesetzgeber die Veröffentlichungsfrist für den Jahresabschluss bei neuen Monaten. Heute sind es gerade einmal drei Monate. Zuständig für „das Finanz-, Börsengeschäft“ waren in der Regel die Finanzabteilungen.

Erste Publikationen
In Deutschland taucht der Begriff Investor Relations in der akademischen Literatur erstmals im Jahr 1967–68 auf – in einer Dissertation mit dem Titel „Die große Publikumsgesellschaft und ihre Investor Relations“ (Hartmann). Die ersten grundlegende Werke erschienen Ende der 90er bis Anfang der 2000er Jahre (s. Anhang), also vor gut 50 Jahren.

Erste eigenständige IR-Abteilungen
Die Herausbildung einer professionellen Profession erfolgte relativ spät und nur langsam institutionalisiert. Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre entstanden unter dem Einfluss ausländischer Investoren erste eigenständige IR-Abteilungen. Mit dem Börsensegment Neuer Markt (1997–2003) und der Zunahme von Börsengängen bekam Investor Relations zunehmend Aufmerksamkeit auch in der allgemeinen Öffentlichkeit.

Gründung des DIRK
Mit der Gründung des Deutschen Investor Relations Verbands (DIRK) im Jahr 1994 wurde IR in Deutschland zunehmend professionalisiert und standardisiert. Zu dieser Zeit wurden auch vermehrt formalisierte IR-Strategien eingeführt. Lt. GPT gibt es keine belegte, anerkannte Quelle, die angibt, welches Unternehmen als erstes ein schriftliches Konzept erstellt hat. Mit nur recht wenigen Ausnahmen berichtet Investor Relations in den hier vorgestellten Unternehmen an den Finanzvorstand.

2 Historische Entwicklung von Investor Relations in den 40 Dax-Unternehmen
Eine informelle Nachfrage unter den 40 DAX-Gesellschaften durch den Autor mag als Stichprobe dafür herhalten, wie sich Investor Relations bei uns als eigenständige Funktion etabliert hat. Sämtliche der hier folgenden Angaben sind hieraus erwachsen.
Wann genau Investor Relations als eigenständige Funktion etabliert wurde, darüber liegen keine genaueren Angaben vor.

Die frühen Jahre
Die frühere VEBA (2000 Fusion mit VIAG zur E.ON AG)) war eines der ersten deutschen Unternehmen, das schon Mitte der 60er Jahre aktiv Analysten- und Investorenkonferenzen durchführte und transparente Geschäftsberichte veröffentlichte. Und erarbeitete sich einen Ruf als besonders investorenfreundliches Unternehmen. E.ON hat mir ihrer Gründung 2000 bereits eine Investor-Relations-Abteilung. Zwischenzeitlich war die Abteilung auch außerhalb des Finanzressorts angesiedelt. Die Strukturen hierzu wurden aus den Unternehmen, die zu E.ON verschmolzen sind (VEBA und VIAG) übernommen.
Im Zuge steigender Kapitalmarktorientierung beschäftigte sich BASF seit Mitte 1987 ausführlich mit der Thematik und zählte damals zu den ersten Mitgliedern eines Arbeitskreises, der sich regelmäßig über kapitalmarktrelevante Themen austauschte.
Bei Bayer wurde Investor Relations schon 1993 eingerichtet. Doch scheint es diese Funktion schon sehr viel früher gegeben haben. Nämlich seit den 80er Jahren, zunächst unter dem Begriff „Finanzmarketing.“

Volkswagen geht davon aus, dass es im Zuge des Börsengangs (1961) auch die Abteilung Investor Relations gegründet wurde. Allerdings liegen darüber keine genauen Kenntnisse mehr darüber vor. Eine Finanzkommunikation hatte es bereits in 50er Jahren gegeben. Allerdings war sie damals unter dem Dach der Presseabteilung angesiedelt Eine eigenständige Abteilung Investor Relations wurde dann unter Ferdinand Piech im Mai 2000 eingerichtet.

Munich Re richtete Investor Relations im Jahr 2000 ein. Berichtet wurde damals an das Vorstandsressort „“Special and Financial Risks, Investor Relations, Strategie“ Planung von Clement Booth.

Bei der Commerzbank gibt es die Abteilung Investor Relations seit Beginn der 90er Jahre und war zunächst der Konzernkommunikation angegliedert. Im Geschäftsbericht 1994 wird bei Fragen zu Aktien erstmals auf diese Abteilung verwiesen.

Bei Siemens entwickelte sich die Investor Relations-Funktion im Verlauf der 90er Jahre (ansässig im Finanzbereich. Mit dem Börsengang von Epcos, Infineon sowie dem Listing in den USA folgten zentrale Vorhaben am Kapitalmarkt.

Die Deutsche Telekom hat eine IR-Abteilung seit 1996. Allerdings gab es Kollegen, die sich bereits im Vorfeld der Privatisierung mit diesem Thema beschäftigten.

Aus Unterlagen von RWE ist zu ersehen, dass es im Jahr 1996 den zentralen Bereich „Investor Relations/Berichtswesen“ gab. Erste Investor Relations-Arbeiten gingen früh mit der Gründung von RWE einher, allerdings nicht als eigenständige Abteilung, sondern diese war dem Rechnungswesen zugeordnet. Im Geschäftsbericht 1993/1994 werden Investor Relations-Arbeiten erwähnt.

Rheinmetall nahm 2000 eine Neuordnung der Kommunikation vor. Gleichzeitig wurde eine Abteilung Investor Relations eingerichtet, die aber zunächst nur aus einem Mitarbeiter bestand.

Etwas abweichend davon nimmt es sich bei Qiagen aus. Die erste Position für Investor Relations wurde im Jahr 2001 geschaffen 2010 wurde ein Vize President eingestellt, der die Bereiche Investoren, Medien und weitere wichtige externe und interne Funktionen wie Marketing Communications zu verantworten hatte. Ab 2016 werden Investor Relations und Corporate Communications wieder getrennt.

Vorbereitung auf den Börsengang
Anlass für ein professionales Auftreten gegenüber Investoren, Ratingagenturen und Investmentgesellschaften als den wichtigsten Akteuren auf dem Kapitalmarkt, bildete in zahlreichen Fällen ein Börsengang bzw. die Vorbereitung auf den Börsengang.
Wie z. B bei Fresenius anlässlich des Börsengangs im Jahr 1986 – zunächst mit dem sogenannten Aktionärsbüro.

Etwas anders verhält es sich im Fall von Infineon Technologies. Hier wurde einige Monate vor dem Börsengang (13.März 2000) Investor Relations erstmals als eigenständige Funktion etabliert. Vor dem Börsengang gab es diese Funktion nicht, da Infineon bis zur Ausgründung Teil der Siemens AG war.

Die Deutsche Bank hat im Jahr 2017 die Abteilung Investor Relations eingerichtet, um den Börsengang im Jahr 2018 vorzubereiten. Ähnlich verhält es sich bei Adidas. Die Abteilung Investor Relations wurde mit dem Börsengang im Jahr 1995 gegründet und findet erstmals Erwähnung im Geschäftsbericht.

Auch bei Zalando ist die Funktion Investor Relations im Rahmen des Börsengangs im Jahr 2014 etabliert.

Kein genaues Datum kann Merck nennen und führt dies darauf zurück, dass die Mitarbeiter in den letzten 30 Jahren zu stark gewechselt haben, sodass sich daran wohl niemand mehr erinnert. Vermutlich ein Jahr vor dem Börsengang.

Bei Siemens Energy ist die Abteilung bereits im Jahr 2020 in Vorbereitung zum Spin-Off gegründet worden. Berichtet wird an den CFO.

Im Haus von MTU ist die Funktion Investor Relations 2005 als Investor Relations etabliert und war zunächst dem CEO berichtend.

Nicht geantwortet hat Mercedes Benz trotz mehrmaliger Nachfrage; Continental konnte ad hoc keine Unterlagen finden.

3 Frühe Werke

  • Dürr, M. (1995): Investor Relations. Handbuch für Finanzmarketing und Unternehmenskommunikation. München: R. Oldenburg.
  • Diehl, U./Loistl & Rehkugler, O. (1998): Effiziente Kapitalmarkt-Kommunikation. Stuttgart: Schäfer Poeschel.
  • Kirchhoff, K. R. & Piwinger, M. (Hrsg.) (2000): Die Praxis der Investor Relations. Effiziente Kommunikation zwischen Unternehmen und Kapitalmarkt. Neuwied: Luchterhand.
  • Hansen, J. R.: Professionelles Investor Relations Management (2000) Landsberg/Lech: Verlag Moderne Industrie.
  • Achleitner, A.-K. & Bassen, A. (Hrsg.) (2001): Investor Relations am Neuen Markt. Stuttgart: Schäfer Poeschel.
  • DIRK (Hrsg.) (2004): Handbuch Investor Relations. Gabler: Wiesbaden: Gabler.
  • Kirchhoff, K. R. & Piwinger, M. (Hrsg.) (2005): Praxishandbuch Investor Relations. Das Standardwerk der Finanzkommunikation. Wiesbaden: Gabler.

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